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Los geht's

Nach der Flucht

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Aehem Ahmad, der "Pianist aus den Trümmern", musste aus dem syrischen Bürgerkrieg fliehen.

In unserem Online-Special erzählen wir die Geschichten geflüchteter Künstlerinnen und Künstler: Wie sie angekommen und heimisch geworden sind - oder auch nicht.

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Diese Bilder gingen um die Welt: Ein junger Mann spielt Klavier mitten im zerbombten Jarmuk, einem Viertel von Damaskus. Er spielt und singt für seine Mitmenschen, um sie zu trösten, um sich und ihnen Mut zu machen, während um ihn herum der syrische Bürgerkrieg tobt. Der junge Mann heißt Aeham Ahmad, er ist der "Pianist aus den Trümmern".

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Aeham Ahmad

... erzählt von einem einschneidenden Erlebnis in Damaskus.

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"Am 17. April 2015 war mein Geburtstag. Ich feierte das gern, es war eine Abwechslung, denn die Leute hungerten da ja schon. Und eines Tages in Jarmuk sagte jemand, der IS käme. Das hatten wir an diesem Tag nicht erwartet. Und ich spielte weiter draußen auf meinem Klavier und da schossen sie auf das Klavier und drohten, dass sie mir die Finger abschneiden würden, wenn ich nicht aufhöre, zu spielen. Mein Vater war auch da und er sagte ihnen, dass es sein Klavier sei und nicht meins. Er wollte mich da raushalten."

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Aeham Ahmad

... über seine Flucht aus Syrien, bei der er Wertvolles zurücklassen musste. 

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"Meine Frau Tahani, ich und die Kinder, wir sind dann aus Jarmuk, mitten aus Syrien geflohen. Und wir sind dann ins Gefängnis gekommen, weil wir nicht legal ausgereist sind. Nach 20 Tagen Gefängnis haben wir uns freigekauft. Tahani ist zurückgeblieben und ich bin weiter.
Aber wir haben eine Menge Geld verloren. Denn wir haben dafür bezahlt, nach Deutschland zu kommen, 11.000 Euro."

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Die Familie muss sich trennen: Seine Frau Tahani geht mit den Kindern zurück nach Jarmuk zu den Eltern. Aeham Ahmad schafft es über die Balkanroute und das Mittelmeer bis nach München.

Nach Stuttgart, Bochum, Olpe, Münster, Gießen und Kirchheim wird er schließlich Anfang 2016 der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden zugeteilt.

Zu Beginn lebt er mit fünf weiteren Männern in einem Wohnheim auf zehn Quadratmetern.

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Aber die Musik lässt ihn nicht los. In Klaviergeschäften und einer Musikschule fragt er, ob er spielen darf. Er wird eingeladen, auf Konzerten zu spielen, lernt andere Musiker kennen. Und findet einen Manager.

Anfangs spielt er umsonst oder für wenig Gage. Seine bewegende Geschichte spricht sich herum. Bald tourt Aeham Ahmad durch ganz Europa. Auf den Konzerten spielt er vor allem Eigenkompositionen und traditionelle Lieder.

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Aeham Ahmad

...kommen bei einem Konzert die Tränen. 

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"Es ist eine große Freude für mich, dieses Lied heute in Kassel zu spielen. Zusammen mit einem wunderbaren Freund. Wir werden Lieder aus Jarmuk und Deutschland spielen. Vielleicht ändert sich etwas, damit es in diesem furchtbaren Krieg nicht immer schlimmer wird."

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Manchmal hasst sich Aeham Ahmad dafür, dass er als "Pianist aus den Trümmern" Erfolg hat. Das schreibt er in seiner Autobiografie "Und die Vögel werden singen":

"Was fällt dir ein, du nichtsnutziger Blender, frage ich mich im Stillen, dich hier im Scheinwerferlicht zu sonnen? So viele sind verreckt. Warum bist du es, der überlebt hat?"

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Saša Stanišić flüchtet 1992 mit seinen Eltern aus dem Kriegsgebiet in Bosnien. Nach dem Ende des Kalten Kriegs ist der Vielvölkerstaat Jugoslawien zerfallen, einstige Nachbarn kämpfen auf einmal gegeneinander: Kroaten, Serben, Bosnier. Mitten in Europa.

"Glück hat, wer seine Flucht beeinflussen kann", schreibt er später.

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Saša Stanišić ist 14 Jahre alt, als er 1992 mit seiner Mutter in Heidelberg ankommt. Eine Stadt am Fluss - wie seine Heimatstadt Višegrad.

Ein Onkel bürgt für sie. Sie dürfen erst mal bleiben, besitzen aber kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht. Lange sitzen Saša Stanišić die Schrecken der Kriegserlebnisse noch in den Knochen.

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Die bosnischen Flüchtlinge wollen nach der Besetzung durch serbische Truppen nur noch raus aus dem Land. Alles ist in Schutt und Asche gebombt, die Städte zerstört.

In Deutschland ist alles anders und fremd für Saša Stanišić. Und doch irgendwie vertraut: die Ruinen vom Heidelberger Schloss, die Brücke, der Fluss.

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Die einzigen Wörter, die Saša Stanišić auf Deutsch kennt sind "Fußball" und "Lothar Matthäus". "Schokoladen-Eis" kommt am Tag der Ankunft dazu - für Saša Stanišić der Geschmack von Heimat.

Er lernt schnell dazu, mit großer Wissbegierde. Sein Glück ist ein geduldiger Deutschlehrer im Integrationskurs. Ehrgeizig erobert sich Saša die deutsche Sprache, liest mit Leidenschaft Bücher.

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Saša Stanišić

... über die Sprache als Schlüssel, um eine Stadt zu verstehen.

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Saša Stanišić

Die Familie zieht weg aus der Stadt, hoch in eine Vorortsiedlung, wo die Migranten wohnen - nach Emmertsgrund. "Ein Städtebauprojekt, bei dem mit Beton nicht gegeizt wurde", schreibt Stanišić später. Neue Möbel werden nicht angeschafft, die Eltern glauben fest daran, dass sie bald zurück nach Bosnien gehen.

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Saša Stanišić

... über das Zusammenleben in Emmertsgrund. Hier spricht kaum jemand Deutsch. Der Integrationskurs für die Neuen findet beim Fußball auf der Straße statt.

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Saša Stanišić

... über einen zentralen Ort seiner Jugend: eine Tankstelle. Von dort bunkert er Szenen für seine späteren Romane.

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Im Deutschkurs für Ausländer schreibt Saša Stanišić erste Gedichte, kurze Erzählungen: "Fürchterlich pathetisches Zeug", sagt er heute. Mit seinem Deutschlehrer ist er immer noch befreundet.

Stanišić fasst Selbstvertrauen, wechselt mutig auf den Gymnasialzweig der Internationalen Gesamtschule in Heidelberg. Und beginnt, sich die Wörterwelt des Deutschen zielstrebig zu erobern.

Kurzzeitig droht ihm nach dem Abitur 1997 die Abschiebung zurück nach Bosnien. Ein Beamter in der Ausländerbehörde meint es gut mit ihm und gibt ihm den Tipp: Ein Studienplatz ist die Rettung. Seine Eltern müssen ausreisen.

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Die Sonne scheint über der Hauptstadt Chiles an diesem 11. September 1973.

Aber im Radio melden sie "Regen über Santiago". Ein Code für Eingeweihte, der viele Menschen alarmiert. Denn an diesem Tag geschieht etwas, das Chile für lange Zeit verändern wird. 

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Antonio Skármeta

... über den Putsch in Chile, der sein Leben für immer veränderte.

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"Am 11.9.1973 lebte ich in Santiago. Es war der Tag des Militärputsches, der unsere Demokratie beendete. Damals regierte der sozialistische Präsident Salvador Allende. Aber die Aussicht, dass die Regierung Positionen vertrat, die etwas mehr links waren, als zuvor, machte einem Teil der Bevölkerung Angst. Und da verübten die Militärs einen sehr brutalen und sehr repressiven  Putsch."

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Am 11. September 1973 wird aus dem zuvor demokratischen Chile eine Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet, der von den USA unterstützt wird.

Die sozialistischen Reformen Salvador Allendes, der unter anderem die Bodenschätze wie Kupfer verstaatlicht, gehen den Amerikanern zu weit.

Denn es herrscht Kalter Krieg - die USA und die NATO stehen UdSSR und Warschauer Pakt feindlich gegenüber.


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Letzte Ansprache von Salvador Allende im Präsidentenpalast "La Moneda"

Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Arbeiter! Dies sind meine letzten Worte und ich bin sicher, dass mein Opfer nicht vergeblich war.

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MORD ODER SELBSTMORD?


Am selben Tag stirbt Präsident Allende im Präsidentenpalast, der bombardiert wird. Lange war nicht klar, wie er ums Leben kam. Erst die Exhumierung im Jahr 2011 belegte, dass sich Allende selbst das Leben genommen hat. Und nicht von den Putschisten erschossen worden ist.

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Das Nationalstadion, in dem sonst Fußballer um den Ball kämpfen, wird zum Konzentrationslager Pinochets.

Regierungstreue, Linke oder einfach Langhaarige: Zehntausende werden in den Tagen und Wochen nach dem Putsch verhaftet und gefoltert, mehrere Tausend umgebracht. Bis heute sind über 2000 Menschen verschwunden.

Erst 1989 endet die Diktatur in Chile.


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Antonio Skármeta

...hat Chile verlassen, bevor es gefährlich für ihn wurde.

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"Ich habe das Land freiwillig verlassen, ich bin nicht gefoltert worden. Ich habe ja nur meinen Job verloren. Und das war wenig im Vergleich zu dem, was anderen widerfahren ist."

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Antonio Skármeta stellt sich dem deutschen TV-Publikum vor

Ausschnitt aus Antonio Skármetas Tagebuchfilm "Wenn wir zusammen lebten", Deutschland (1983)

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In Berlin leben Antonio Skármeta, seine Frau Cecilia Boisier und die beiden Söhne zunächst von einem Stipendium des DAAD, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Aber ein Schriftsteller braucht seine Sprache. Und die deutsche Sprache ist ihm am Anfang fremd, genauso wie der Alltag in Berlin. Worüber soll er schreiben?

Genau diese Situation wird sein literarisches Thema. Er beginnt, darüber zu schreiben, wie man in der Fremde zurechtkommt.

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1977 schreibt Antonio Skármeta die Erzählung "Nixpassiert". Im Mittelpunkt steht der 13-jährige Lucho, Sohn chilenischer Flüchtlinge in Berlin.

Lucho ist hin- und hergerissen zwischen der Welt seiner Eltern, die auf jeden Fall irgendwann nach Chile zurück kehren möchten. Aber für ihn wird Berlin immer mehr sein Zuhause.



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Den Eltern helfen - oder mit der Freundin ausgehen?

Szene aus dem Film "Aus der Ferne sehe ich dieses Land" (1978) von Christian Ziewer nach dem Buch von Antonio Skármeta

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Antonio Skármeta

...über eine der tiefgreifendsten Erfahrungen seines Lebens.

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"Und da machte ich bald eine sehr tiefgreifende Erfahrung: Die Erfahrung des Exils. Also begann ich, mein Schreiben auf mein damaliges Leben abzustimmen und mich gleichzeitig auf das zu beziehen, was ich mit meinem deutschen und europäischen Publikum gemeinsam hatte. So änderten sich durch mein eigenes Leben auch meine Themen und literarischen Motive."

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Im Exil in Berlin schreibt er 1985 auch seinen berühmtesten Roman "Mit brennender Geduld". Er erzählt von einem Postboten, dem der chilenische Nationaldichter Pablo Neruda hilft, mit Poesie seine Angebetete zu erobern. Der Roman wird zwei Mal verfilmt.

Der echte Neruda ist da schon lange tot. Lange hieß es, er sei kurz nach dem Putsch 1973  an einer Krankheit verstorben. Aber auch er war ein Unterstützer des ehemaligen Präsidenten Salvador Allende.

Heute steht fest, dass Pablo Neruda vergiftet wurde.

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Die Zahl der Menschen, die fliehen, war laut UNO-Flüchtlingshilfe noch nie so hoch wie heute. Flucht ist aber kein neues Phänomen: Im Jahr 1831 flüchtete der deutsche Dichter Heinrich Heine vor Zensur und Anfeindungen nach Paris.

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Als Heinrich Heine Paris erreicht, hatten die Bürger Frankreichs in der Julirevolution 1830 gerade wieder ihren König vom Thron gestoßen.

Zum zweiten Mal nach der großen Revolution von 1789 - und diesmal ist die Herrschaft der Bourbonenkönige endgültig vorbei. Die Bürger fordern Pressefreiheit und mehr Rechte. 
Heinrich Heine hofft, hier schreiben zu können, was er will. Ihm erscheint Paris anfangs als die "Spitze der Welt".

Doch die deutsche Heimat vermisst er sehr. Seine Sehnsucht fasst er in ein Gedicht.

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Heinrich Heine: "Nachtgedanken"

Seit 12 Jahren lebt Heine im Pariser Exil, als er beginnt, die "Nachtgedanken" zu schreiben.

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In der Julirevolution haben sich die französischen Bürger neue Freiheiten erkämpft. 

Nicht nur Heine zieht das an: Menschen aus ganz Europa kommen nach Paris, darunter viele Deutsche wie Karl Marx, Friedrich Engels oder Heines ärgster Konkurrent, der Publizist Ludwig Börne.

Paris ist das kulturelle und politische Zentrum Europas - und nach London die zweitgrößte Stadt der Welt.

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In Deutschland dagegen regieren viele Herrscher, einen Nationalstaat gibt es noch nicht. Hier wird Heine auch nicht nur wegen seiner kritischen journalistischen Texte angefeindet.

Von Kindheit an erlebt der am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geborene Junge Diskriminierung - weil er Jude ist. Als er in der Schule erzählt, sein Großvater sei "ein kleiner Jude mit einem langen Bart" gewesen, wird er verprügelt: "Es waren die ersten Prügel die ich auf dieser Erde empfing", erinnert er sich in seinen Memoiren. 

Während des Jurastudiums wird er aus einer Göttinger Studentenverbindung ausgeschlossen, weil er Jude ist. 

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Im Pariser Exil nennt sich Heinrich Heine "Henri". Und wird schnell als halb-französischer Autor anerkannt. Er spricht fließend Französisch, hat schon mit neun Jahren Privatunterricht in der Sprache erhalten.

Er wird in Salons eingeladen, trifft sich mit Honoré de Balzac, George Sand, Fréderic Chopin und Eugène Delacroix. Die Crème de la Crème der Pariser Künstler zählt zu seinen Freunden.
Doch so gut wie alle Freunde vergrätzt er mit den Jahren.

Schließlich fühlt sich Heine ziemlich allein in Paris.

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Auch am Herzen seiner geliebten Mathilde, kann Heine nur "französisch seufzen". 

Und doch: Die Französin Mathilde ist die Einzige, die bei ihm bleibt. Seit 1834 lebt er mit ihr zusammen, 1841 hat er Auguste Crescence Mirat (die nur Heine "Mathilde" nennt) geheiratet - auf ihren Wunsch katholisch. Dass er Jude ist, weiß Mathilde nicht.

Sie fragt nicht danach. Für sie ist er ein "deutscher Dichter". Eine Klarheit, die Heine selbst nicht hat.

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Im November 1842 bewirbt Heine sich um das französische Heimatrecht. Er bezieht bereits eine Pension vom Staat und hat gute Beziehungen zu Ministerien. Dennoch wird sein Antrag abgelehnt.

Ein Jahr später - von Oktober bis Dezember 1843 - reist Heinrich Heine nach Deutschland, kurz nachdem er die "Nachtgedanken" verfasst hat. Das erste Mal, seitdem er vor zwölf Jahren nach Paris gegangen ist.  

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Heinrich Heine: "Deutschland. Ein Wintermärchen"

Kurz nach seiner Rückkehr nach Paris schreibt Heinrich Heine "Deutschland. Ein Wintermärchen".

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Im "Wintermärchen" und auch in weiteren Schriften, die 1844 veröffentlicht werden, macht sich Heine über den bayerischen und den preußischen König schamlos lustig. In einem Flugblatt klagt er mit dem "Weberlied" den blutigen Angriff preußischer Soldaten auf arme Weber an.

Das preußische Innenministerium erlässt daraufhin einen Grenzhaftbefehl. Die Anklage: Versuchter Hochverrat. Beim Betreten preußischen Bodens droht Heinrich Heine das Gefängnis. Er befindet sich endgültig im politischen Exil. 

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Heinrich Heine wird per Haftbefehl und Steckbrief gesucht: "Heine, Schriftsteller, 50 Jahre alt, mittlerer Größe, Nase und Kinn hervorstechend, Typ erkennbar Jude, ausschweifenden Lebenswandels, dessen erschlaffter Körper Zerrüttung aufweist." 

Trotz der Gefahr reist Heine von Juli bis Oktober 1844 in Begleitung von Mathilde noch einmal nach Hamburg. Die Sehnsucht ist zu groß. Und seine Frau soll endlich die Mutter kennenlernen. Heine ahnt: Es wird seine letzte Reise nach Deutschland sein.

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1848 - dem großen deutschen Revolutionsjahr - bricht Heine zusammen. Lähmungserscheinungen, die er zuvor schon hatte, zwingen ihn ins Bett. Seine "Matratzengruft" kann er nicht mehr verlassen. Doch schnell stirbt Heine nicht.

"Man hat mir längst das Maß genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, daß solches nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde. Doch Geduld, alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude geschlossen finden, wo euch die Puppenspiele meines Humors so oft ergötzten."

Heinrich Heine: Nachwort zum Romanzero (1851)

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London ist seit über 80 Jahren ihre Heimat. Nach Berlin, wo sie 1923 geboren wurde, fährt Judith Kerr nur selten.

Auf ihrem Ruhm könnte sie sich ausruhen: Millionenfach stehen ihre Bücher in den Regalen vieler Kinder. Doch sie illustriert und schreibt bis heute Kinderbücher. Mehr als 30 sind es inzwischen - in zahlreiche Sprachen übersetzt.





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IN DER WELT DER BÜCHER ZU HAUSE

Nach Deutschland kommt Judith Kerr am liebsten zu Lesungen für Kinder - wie hier 2016 beim Internationalen Literaturfestival Berlin.
Mit über 90 Jahren ist sie eine echte Lady: höflich, neugierig und "very British".

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BEHÜTETE KINDHEIT IN BERLIN


Judith Kerr wächst in Berlin auf. Sie lebt mit den Eltern und ihrem älteren Bruder Michael in einem Haus im idyllischen Stadtteil Grunewald. Sorgenlos. Ihr Vater ist der berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr, ein vehementer Hitlergegner.
1933 bricht die Machtergreifung der Nazis brutal in ihre Kinderwelt ein...

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Alfred Kerr flieht in einer Nacht-und-Ne­bel-Ak­ti­on nach Prag. Die Mutter packt eilig in Berlin die Koffer für die Flucht. Viel kann die Familie nicht mitnehmen. Es muss schnell gehen. Judith lässt ihr berühmtes rosa Kaninchen im Kinderzimmer zurück.

Einen Tag vor der Reichstagswahl im März 1933 sitzen Judith, ihre Mutter und ihr Bruder im Zug Richtung Schweiz. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Gestapo ihre Pässe konfiszieren kann.

In der Schweiz ist die Familie wieder vereint. Lugano, Zürich, Küsnacht und schließlich Paris sind die Stationen ihrer übereilten Flucht aus Nazideutschland. Alfred Kerr steht bereits auf der Ausbürgerungsliste.




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FLUCHT ALS ABENTEUER  


Die Familie Kerr ist auf einmal staatenlos. Paris gefällt Judith sehr. Ihr Vater kauft ihr ein Hütchen, sie liebt das französische Essen und die Sprache. Die Geschwister ahnen nicht, dass die Eltern die Miete kaum zahlen können. Im März 1936 zieht die Familie nach London. Völlig verarmt lebt sie in einem schäbigen Emigrantenhotel.

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Judith Kerr

... darüber, was aus dem Sprachen-Mix aus Englisch, Französisch und Deutsch wurde.

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Am 1. September 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus, auch London wird bombardiert. Hitlers Luftwaffe legt die Stadt im Blitzkrieg in Schutt und Asche.

Im Mai 1945 ist der schreckliche Bombenkrieg endlich vorbei. Dank eines Stipendiums darf Judith Kerr die "Central School of Arts and Crafts" besuchen und lernt mit Begeisterung Malen und Zeichnen. Nebenbei hält sie die Familie mit kleinen Jobs über Wasser. Ihr Vater ist nun schon 80.

Mutter Julia arbeitet im besiegten Deutschland als Dolmetscherin für die Amerikaner. Der Vater überlebt seinen ersten Heimatbesuch nicht und stirbt am 12. Oktober 1948.

Judith Kerr findet Anfang der 1950er Jahre eine Lektoratsstelle bei der BBC. Dort lernt sie ihren Mann kennen und schreibt erste Drehbücher.

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WIE JUDITH KERR BRITIN WIRD

Am Ende des Krieges ist es Judith Kerr ganz klar: London ist ihr Zuhause. Ihre Eltern hingegen hätten "nie irgendwo hingehört", sagt sie.

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FEELING HOME IN LONDON

In ihrem schmalen Reihenhaus im Stadtteil Barnes lebt Judith Kerr seit über 50 Jahren. Hier, in ihrem Arbeitszimmer, zeichnet sie ihre Kinderbücher, hier ist sie zu Hause - in der Welt von Mog, dem vergesslichen Kater; im Alltag vom Tiger, der zum Tee kam, und ihrer Katzen.

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Als 19-Jährige verlässt Nneka Egbuna ihre Heimat Nigeria und kommt nach Hamburg. Der Start in Deutschland ist schwer, aber sie beißt sich durch.

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Nneka Egbuna wird am 24. Dezember 1980 im nigerianischen Warri geboren, einer Stadt im Nigerdelta, in der ethnische Konflikte und Gewalt zum Alltag gehören. Nneka ist sehr verschlossen darüber, warum sie aus Warri weggegangen ist: "Ich hatte keine Wahl. Gewisse Umstände zwangen mich, mein Land und meine Familie zu verlassen. Und ich wusste nicht, wohin mich mein Weg führt."

Die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers verschlägt es nach Hamburg. Zuerst lebt sie in einem Asylbewerberheim, dann in einer Jugendwohngruppe. Sie lernt schnell Deutsch, macht Abitur und studiert. Sie fängt an, Musik zu machen und begegnet Farhad Samadzada alias DJ Farhot.




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Nneka Egbuna

... darüber, wie der Hip-Hop in ihr Leben kam.

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"Zuerst habe ich mich mit meinem kleinen Recorder selbst aufgenommen. Über einen Rapper, mit dem ich einen Song aufgenommen habe, lernte ich Farhot kennen. Dann haben wir zusammen Hamburg entdeckt, haben Underground-Sessions gemacht, einfach aus Spaß. Nicht wegen Geld oder Wettbewerb. Nur so. Und er hat mir eine andere Art von Musik gezeigt. Ich hatte schon viel Hip-Hop in mir, aber er hat mir unheimlich viel über Hip-Hop beigebracht. Und ich habe ihm den afrikanische Style gezeigt. Wir zwei in Deutschland - eine tolle Mischung."

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Nneka Egbuna

... wie es klingt, wenn Hip-Hop auf Dub, Soul, Reggae und Afrobeat trifft. 2005 veröffentlicht sie ihr erstes Album.

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Nneka Egbuna & Manager Martin Schuhmacher

... erzählen von ihrer ersten Begegnung, bei der Nneka den Manager erstaunt.

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"Ich ging nur so durch die Straßen, als ich das Plattenlable 'Yo Mama' entdeckte. Ich ging einfach rein. So wie ich war. Er hat mich gebeten, auf seiner Ledercouch Patz zu nehmen.

Es war keine große Sache, einen Tee mit dem Mann zu trinken, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Er war wirklich nett.

Er sagte: 'Ich mag deinen Mut, junge Dame. Plan einen Gig und ich werde ihn mir anhören.' Das habe ich getan. Nach dem zweiten Mal hat er mir einen Vertrag angeboten."

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Nneka Egbuna singt...

... oft über Moral und die Bedeutung der Familie; genauso über Politik und gesellschaftliche Missstände in ihrem Heimatland Nigeria.

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ZURÜCK NACH NIGERIA
 
In den ersten Jahren in Deutschland ist ihr Heimweh fremd: "Ich hatte ein Ziel und wollte es erreichen. Ich sagte mir: 'Konzentrier dich! Dein Leben ist jetzt hier, konzentrier dich!' Da durfte ich keine Schwächen zeigen." Doch irgendwann überkommt sie doch die Sehnsucht.

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Nneka Egbuna

... darüber wie es war, das erste Mal zurück nach Nigeria zu kommen.

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"Nach fünf Jahren kam ich das erste Mal wieder zurück nach Nigeria. Es war emotional und gleichzeitig war ich stolz, dass niemand mir das Geld dafür in die Hand drücken und sagen musste: 'Geh nach Hause.' Und da habe ich mich zum ersten Mal in mein Land verliebt."

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Nneka Egbuna, Aeham Ahmad, Saša Stanišić, Heinrich Heine, Judith Kerr, Antonio Skármeta - sie alle mussten ihre Heimat verlassen und versuchen, in einem fremden Land heimisch zu werden. Ist es ihnen gelungen?

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Mittlerweile lebt Nneka in Lagos, Hamburg und Paris - und tourt mit ihrer Band durch die Welt. Ihre Heimat macht sie an keinem Ort fest, ist nirgendwo richtig zu Hause. Heimat ist für sie ein Gefühl und das Leben eine Reise.

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Als die Pinochet-Diktatur endete, kehrte Antonio Skármeta 1989 nach Chile zurück.

Von 2003 bis 2006 war er noch einmal in Deutschland: als Botschafter seines Heimatlandes.

Heute lebt er mit seiner zweiten Frau, die er in Deutschland kennengelernt hat, und dem jüngsten Sohn in Chile. Die beiden älteren Söhne sind in Berlin geblieben. 

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Saša Stanišić

Die Sprache wird sein Zuhause, das Schreiben für Saša Stanišić zum Beruf. 2006 erscheint sein Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert". Schnell wird der junge Autor in ganz Deutschland bekannt. 2014 katapultiert ihn der Preis der Leipziger Buchmesse in die Bestsellerlisten.

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Der wegen Hochverrats gesuchte Heinrich Heine stirbt am 17. Februar 1856 im Pariser Exil. Sein Grab liegt auf dem Friedhof Montmartre, in dem Viertel, in dem er 25 Jahre seines Lebens verbracht hat.

"Leb wohl, auch Du, deutsche Heimath, Land der Räthsel und der Schmerzen; werde hell und glücklich. Lebt wohl Ihr geistreichen, guten Franzosen, die ich so sehr geliebt habe! Ich danke Euch für Eure heitre Gastfreundschaft."

Heinrich Heine, Testament

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Im August 2016 dürfen Aeham Ahmads Frau Tahani und die zwei Söhne endlich nach Deutschland nachkommen - fast ein Jahr nach seiner Flucht. 
Mit ihnen zieht er in eine Wohnung in Wiesbaden. Auch ein eigenes Klavier besitzt Aeham Ahmad wieder.

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Ihre autobiografisch geprägte Trilogie, die mit "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" beginnt, ist ihr Vermächtnis. Eine Autobiografie wollte sie nie schreiben.

Nach Deutschland kommt sie mittlerweile gern. Aber das hat eine Zeit gedauert. Dann erzählt sie nicht nur von den Helden aus ihren Büchern, sondern auch aus ihrer Geschichte.

Wie hier vor Schülern in Berlin. Im Publikum sitzen auch einige Flüchtlingskinder. Judith Kerrs Lebensweg könnte auch ihnen Mut machen.

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