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Depression im Fußball

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Die Volkskrankheit Depression hat längst das Hochglanzgeschäft Profifußball erreicht. Offenbar ist die Problematik aber größer als bislang vermutet.

Eine Multimedia-Reportage von Mathias Liebing und Alima Hotakie.

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Der frühere deutsche Nationalspieler Robert Enke ist sicher das weltweit bekannteste Beispiel für Depressionserkrankungen im Profi-Fußball. Aber ein Einzelfall ist der einstige Keeper des FC Barcelona, von Benfica Lissabon und Hannover 96 nicht. Laut einer aktuellen Studie der weltweiten Spielervereinigung FIFPro ist jeder dritte Profi potentiell gefährdet. Der frühere schwedische Jugendnationalspieler Martin Bengtsson hat uns erklärt, weshalb seine aussichtsreiche Karriere in einem Suizidversuch endete.

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Er träumte vom AC Mailand

Martin Bengtsson arbeitete schon als Kind extrem fokussiert, um sich seinen Traum zu verwirklichen.

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Von einer Profikarriere träumen viele Kinder. Insofern war Martin Bengtsson (rechts im Bild) nicht wirklich etwas besonderes. Mittlerweile ist das anders. Der kreative Kopf, der als größte Nachwuchshoffnung hinter Zlatan Ibrahimovic (links) galt und 2004 bei Inter Mailand vor dem Durchbruch stand, ist heute einer der wenigen Ex-Profis, der offen über seine Depressionserkrankung spricht. Oder genauer: überhaupt noch darüber sprechen kann. Denn immer wieder enden - auch bei gut bezahlten Kickern - Depressionerkrankungen tödlich.

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Robert Enke

24.8.1977 - 10.11.2009

Der deutsche Nationaltorhüter beging
an einem Bahnübergang unweit seines Wohnorts Himmelreich Suizid. Robert Enke war seit 2003 mehrfach wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung.

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Sergi López Segú

6.10.1967 - 4.11.2006

Der frühere Spieler des FC Barcelona warf sich in Granollers vor einen Zug. Zuvor war seine Ehe zerbrochen - seine aktive Karriere als Fußballer hatte Sergi López Segú bereits mit 27 Jahren beendet.  

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Andreas Biermann

13.9.1980 - 18.7.2014

Der Ex-Profi von St. Pauli und Union Berlin starb in Folge seines vierten Suizidversuchs. Andreas Biermann war seit 2009 in Behandlung - die Symptome seiner Depressionserkrankung hatte er in der Berichterstattung über Robert Enkes Suizid erkannt.

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Trotz tragischer Todesfälle ist die Krankheit Depression eines der großen Tabuthemen im internationalen Fußball. Ändern will dies Dr. Vincent Gouttebarge, ein früherer französischer Profi-Kicker, und mittlerweile Chefmediziner der weltweiten Spielervereinigung FIFPro. Im Herbst 2015 sorgte er mit einer Studie zur mentalen Gesundheit von Profi-Fußballern für Aufsehen. 

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Angstzustände, Alkoholprobleme und Schlafstörungen

Dr. Vincent Gouttebarge berichtet über die Ergebnissen seiner Studie.

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Dr. Vincent Gouttebarge geht noch weiter. In seiner Studie heißt es, dass jeder dritte Fußballprofi depressive Gefühle und Angstzustände kennt. 

Unabhängig davon, wie wissenschaftlich belastbar das FIFPro-Zahlenwerk im Detail ist, gehen die Ableitungen mit einer gesellschaftlichen Entwicklung konform: Denn Depressionen sind längst Volkskrankheit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO habe sich zwischen 1990 und 2013 weltweit die Zahl der Menschen, die an Depressionen und/oder Angstzuständen erkrankt seien, um fast 50 Prozent erhöht. Das sind weltweit 615 Millionen Menschen.


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Den professionellen Fußball trifft diese Entwicklung relativ unvorbereitet, kritisieren Experten wie Dr. Gouttebarge. Und dies trotz prominenter Fälle wie Sebastian Deisler (rechts) oder Gianluigi Buffon. In der "Macho-Kultur" sei kaum theoretisches Wissen, noch praktische Erfahrung im Umgang mit betroffenen Spielern vorhanden.

Worin liegen die Ursachen, dass depressive Erkrankungen, die rein statistisch innerhalb eines jeden Fußballteams präsent sein müssten, nur im Einzelfall öffentlich thematisiert werden? 

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1. Symptome werden nicht erkannt

Zwar sind bei jedem Training der Profi-Vereine circa zehn Trainer und Betreuer aktiv. Allerdings hat nur im Ausnahmefall eine dieser Personen die Ausbildung und das Fachwissen, Symptome für depressive Störungen zu erkennen. Und betroffene Spieler versuchen alles, ihre Probleme zu verheimlichen. Aus gutem Grund.

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"Im Fußball gibt es eine Macho-Kultur"

Dr. Vincent Gouttebarge hat herausgefunden, dass Spieler mentale Probleme bewusst verschleiern. 

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2. Angst vor Konsequenzen

Betroffene Spieler fürchten Konsequenzen. Diese Angst ist nicht unbegründet, wie der Fall des früheren Bundesliga-Spielers Martin Amedick (links) zeigt. Im Sommer 2012 vereinbarte er mit seinem damaligen Verein Eintracht Frankfurt eine Auszeit. Nach halbjähriger Behandlung kehrte er zurück, fand aber nicht zu Topform. Daraufhin wechselte er zum Zweitligisten SC Paderborn, wo er nach wenigen Monaten in die zweite Mannschaft abgeschoben wurde. Sein Stigma "Depression" verlor er bis zum Karriereende im Sommer 2015 nie. 

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3. Oberflächlichkeit

Das Fußballgeschäft ist oberflächlich. Nicht nur Andreas Biermann berichtete, dass die Kommunikation zwischen einzelnen Teammitgliedern oft nicht über sportliche Aspekte hinausgehe. Nach seinem Outing verlor Biermann jeglichen Kontakt zu früheren Mitspielern. "Die wollen sich wahrscheinlich selbst nicht belasten und wissen vielleicht auch nicht, wie sie mit mir umgehen sollen", sagte er noch 2011. 

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Auch Martin Bengtsson fühlte sich im Profi-Fußball allein. Soziale Kontakte außerhalb des Internats von Inter Mailand hatte er kaum, innerhalb ging es in der Regel um Fußball. Echte Betreuungsstrukturen waren vor zehn Jahren in den Nachwuchsleistungszentren der europäischen Topklubs noch nicht Standard. Aber das, was der Schwede in Mailand vorfand, war doch nun einmal sein Traum... 

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"Auf einmal stehst du mit den Stars auf dem Platz"

Martin Bengtsson genoss den Start bei Inter Mailand sehr, sein Traum schien wahr geworden zu sein.

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Sportlich lief es für Martin Bengtsson in den ersten Monaten in Mailand hervorragend. Der einst kleine und schüchterne Schwede machte sogar in den Trainingsmatches gegen die Profis auf sich aufmerksam. Einmal brachte ihm das eine Auseinandersetzung mit Marco Materazzi ein. Er hatte den späteren Weltmeister im Training alt aussehen lassen.

Aber neben dem Platz gerieten die Dinge langsam aus den Fugen. Es kamen erste Zweifel auf.

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Totale Kontrolle

Im Laufe seines ersten Jahres bei Inter Mailand wurden die persönlichen Freiheiten im Internat stark eingeschränkt. Darunter litt Martin Bengtsson.

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In dieser Phase hätte Martin Bengtsson Unterstützung benötigt, die es zum damaligen Zeitpunkt beim 18-fachen italienischen Meister Inter Mailand nicht gab. Mittlerweile wurden die Betreuungsstrukturen in den Nachwuchszentren der Profi-Klubs verbessert. Dennoch wünscht sich Diana Doko, Kommunikationsexpertin vom Verein "Freunde fürs Leben", einen viel konsequenteren und offeneren Umgang mit dem Thema mentale Gesundheit. Ihr Verein hat sich zur Aufgabe gesetzt, Jugendliche und junge Erwachsene über das Thema Suizid und seelische Gesundheit aufzuklären.

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"Oh, der redet über seine Gefühle, dann ist er nicht so ein starker Mann auf dem Feld"

Diana Doko vom Verein "Freunde fürs Leben" fordert mehr Offenheit. Gefühle dürften nicht länger ein Tabu-Thema im Profi-Fußball sein.

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"Der Fußball braucht Zeit"

FIFPro Chefmediziner Dr. Vincent Gouttebarge sieht Parallelen zwischen der Normalgesellschaft und dem Profi-Fußball.

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"Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen"

Diana Doko betont, dass dem Tabuthema Depression im Profi-Fußball erst ein Zugang geschaffen werden muss. Dabei könnten auch prominente Künstler eine Rolle spielen.

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Womöglich hätte sogar ein einfacher Workshop im Falle von Martin Bengtsson ausgereicht, um den Traum von einer großen internationalen Fußballkarriere tatsächlich wahr werden zu lassen. Denn Depressionen sind prinzipiell gut behandelbar. Aber es kam anders. Aus dem Traum des kleinen Jungen aus Schweden war längst ein Albtraum geworden.

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"Ich sah keinen Ausweg"

Martin Bengtsson realisierte, dass er für die Fußball-Welt nicht gemacht war. Die Erkenntnis führte zu einem grausamen Entschluss.

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Der Fußballtraum von Martin Bengtsson endete im Spätsommer 2004. In einem Badezimmer des Nachwuchsinternats von Inter Mailand.

Seine ganze Geschichte erzählt der DW Kick off! Beitrag "Martin Bengtsson - Die dunkle Seite des Fußballs"  

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